Das Ende einer langen Suche

Peter Mertens hat manchmal schon nicht mehr daran geglaubt, dass er es schaffen wird. Aber nun ist er fast am Ziel.
von Frank Wobst


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Die Bremsen des Zuges quietschten. Es war nur ein Mann im Abteil. Er war klein und hager. Tiefe Kerben im Gesicht ließen ihn älter aussehen, als er wirklich war. Er sah aus wie Mitte fünfzig, obwohl er erst dreiundvierzig war. Peter Mertens schaute auf und blickte in die diesige Nacht. Mit einem Ruck kam der Zug endgültig zum Stehen. Der Mann stand auf und nahm einen kleinen, braunen, abgenutzten Lederkoffer von der Ablage. Ganz langsam stieg er aus dem Waggon und blickte zunächst nach links, dann nach rechts.

Der Bahnsteig war leer, bis auf den Schaffner, der zwanzig Meter entfernt stand und an den Waggons entlang sah. Nach einer Minute unterbrach der schrille Ton einer Pfeife das monotone Geräusch der Maschine der Diesellok, und der Zug bewegte sich aus der Halle des Sackbahnhofes wieder in die dunkle, trübe Nacht. Peter Mertens hatte sich eine Zigarette angezündet und schaute dem Zug nach, dessen rote Lichter schließlich in der Dunkelheit verschwanden. Der Mann inhalierte tief den Rauch. Schließlich schnippte er den Stummel fort auf die Gleise. Sein Blick fiel auf das weiße Schild, auf dem der Name der Stadt stand.

"Endlich", sagte der Mann nur, nahm seinen kleinen Koffer auf und ging die Stufen zum Ausgang hinauf. In der schäbigen Vorhalle des kleinen Bahnhofes hockten auf einer Holzbank drei junge Männer, die sichtlich angetrunken waren. Außer ihnen und Peter Mertens hielt sich zu dieser Stunde keine Menschenseele an diesem ungastlichen Ort auf. Als die Drei des Mannes gewahr wurden, stand einer von ihnen auf und torkelte auf Peter Mertens zu.
"Haste mal 'ne Mark", lallte er den Mann mit dem Koffer an. Der antwortete nicht, schüttelte nur den Kopf und ging weiter. Die beiden anderen Figuren standen auf, gingen ihm entgegen und stellten sich ihm schließlich in den Weg. Peter Mertens Augen zogen sich zusammen, wie die Augen einer Raubkatze kurz bevor sie ihr Opfer reißt.

"He alter Mann. Unser Kumpel hat dich doch nur ganz höflich etwas gefragt. Warum bist du so unfreundlich?", tönte der Größere los.
"Lasst mich durch. Was soll das werden?", fragte der Mann ruhig, aber den warnenden Unterton seiner dunklen, durchdringenden Stimme nahmen die Betrunkenen nicht wahr.
"Warum gibst du ihm nicht einfach 'ne Mark? Oder jetzt besser 'nen Zehner. Die Preise sind gestiegen", lallte der Kleinere.
"Ja, die Preise sind gestiegen. Das ist gut", grinste der andere seinen Kumpan an und taumelte auf den Mann mit dem Koffer zu.

Es ging alles blitzschnell. Der rechte Fuß von Peter Mertens traf ihn in genau zwischen die Beine. Der junge Rowdy stürzte mit einem hellen Aufschrei in sich zusammen und krümmte sich am Boden. Und bevor der andere überhaupt reagieren konnte, schlug ihm Peter Mertens den Koffer mit voller Wucht ins Gesicht. Der Junge fiel neben seinen Kumpan. Als sein Kopf auf den harten Betonboden aufschlug, hörte man einen dumpfen Ton, als wenn ein Tontopf zerplatzt wäre. Peter Mertens drehte sich um und blickte dem, der ihn zuerst angesprochen hatte, tief in die Augen. Der Junge hatte ein Klappmesser in der Hand, und schon schoss die Klinge nach draußen.
"Ich würde das sein lassen. Das Ding hilft dir auch nicht", versuchte der Mann den Jungen zu beruhigen. Aber der wollte es wissen. Er sprang nach vorne und stieß mit dem Messer zu. Peter Mertens wich schnell nach links aus. Sein rechtes Bein schnellte hoch und traf mitten in den Magen des Rowdys, der daraufhin wie in Zeitlupe ebenfalls zu Boden ging.

Peter Mertens blickte sich um. Kein Mensch war zu sehen. Er verwandte keinen Blick mehr auf die Drei und ging Richtung Ausgang. Solche Typen waren ihm zuwider. Sie erinnerten ihn einmal mehr daran, warum er hier war. Acht Jahre, acht lange Jahre hatte er gesucht - und endlich gefunden, was er so lange gesucht hatte. Er konnte unmöglich zur Polizei gehen. Denn dann wären all die Qualen und Mühen der letzten acht Jahre umsonst gewesen.

Er war hart geworden. Ein Mann mit einem Herz aus Stein, hatten die Menschen befunden, die viele Jahre seine Freunde, seine Nachbarn und Kollegen gewesen waren. Schon kurz nachdem das Unfassbare passiert war, hatte der Mann begonnen sich immer mehr zu verändern. Er war ein Einzelgänger geworden. Voller Trauer und Schmerz, aber auch voller Wut zog er durch das Land. So manches Mal hatte er geglaubt am Ziel zu sein. Aber er war immer zu spät gekommen und musste die Spur wieder neu aufnehmen. Er war auf der Jagd. Seit damals war er auf der Jagd. Diesmal war er fast am Ziel. Da war sich Peter Mertens sicher. Und nichts und niemand würde ihn aufhalten.

Er drückte seinen Hut leicht nach vorn ins Gesicht, so dass seine Augen kaum noch zu sehen waren und trat aus dem Bahnhofsgebäude. Zwei Taxen standen im Nieselregen. Peter Mertens warf einen kurzen Blick auf sie. So weit er durch die nassen Scheiben sehen konnte, döste einer der Fahrer mit geschlossenen Augen, während der zweite in einer Zeitung blätterte. Mertens drückte sich nach links am Rand des Gebäudes an den Taxen vorbei und huschte fast lautlos davon. Nach einigen Metern kam er an eine Kreuzung, an der er nach rechts abbog. Die Straßen der Stadt waren wie ausgestorben.

Aber wer ging schon an einem Mittwochabend, und dann bei einem solchen Wetter, aus dem Haus. Peter Mertens warf einen Blick auf seine Uhr. Es war 0:35 Uhr. Ein bisschen Zeit hatte er noch. Es war noch zu früh. Auf der Straßenseite gegenüber dämmerte durch den Nieselregen die schummrige Leuchtreklame einer Kneipe. Er steuerte nach einem Moment des Überlegens auf sie zu. Vor der Tür blieb er stehen und schaute sich von oben bis unten prüfend im Glasrahmen der Tür an.

Kaum war er eingetreten, wollte er sich instinktiv wieder umdrehen und gehen. Die fremdländische Musik war leise, darum hatte er sie draußen nicht hören können. Er hatte den Türgriff schon wieder in der Hand, als er sich entschloss, doch zu nicht zu gehen. Eine türkische Kneipe. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Nein, das ist vielleicht sogar gut, dachte er und ging auf einen Ecktisch zu. Hier würde er sich nicht das dumme Gequatsche irgendwelcher Betrunkener anhören müssen, denn es war ruhig im Lokal.

Der Wirt hinter dem Tresen schaute seinen späten Gast verwundert an, als er sah, wie dieser sich an einem Ecktisch niederließ. Der Wirt blickte an den einzigen Tisch, der noch besetzt war. Vier Männer saßen dort und spielten Karten. Auch ihre Augen waren dem Mann gefolgt, der keiner von ihnen war. Das hatten sie sofort erkannt, obwohl das Gesicht von Peter Mertens unter dem Hut kaum zu erkennen war. Der Wirt schaute fragend seine Landsleute an. Die zuckten nur die Schultern und wandten sich wieder ihrem Spiel zu. Der Mann hinter der Theke wartete noch einen Augenblick, dann ging er schließlich an den Ecktisch.

"Was möchten Sie haben", fragte er in gebrochenem Deutsch.
"Ein Bier und einen Korn."
"Korn habe ich nicht", brummte der Wirt.
"Ach, lassen Sie das Bier auch. Bringen Sie mir bitte einen Kaffee."
"Deutschen Kaffee habe ich auch nicht," grinste der Wirt etwas schadenfreudig.
Vielleicht würde der Mann nun endlich verschwinden, dachte er. Er soll doch zu den seinen gehen.
"Dann bringen Sie mir einen Mocca, einen türkischen Mocca bitte", sagte Peter Mertens mit leiser Stimme, hob dabei seinen Kopf und blickte dem Wirt in die Augen. Der zuckte zusammen, nickte nur und machte sich auf den Weg hinter seinen Tresen. "Kalte Augen. So kalte und tote Augen habe ich noch nie gesehen", murmelte er auf türkisch vor sich hin, während er den Mocca fertig machte.

Der Wirt stieß einen Seufzer aus, als Peter Mertens zwanzig Minuten später das Lokal verließ. Der Mann hatte ihm nichts getan, er war höflich gewesen. Aber etwas stimmt mit dem nicht, erklärte er seinen vier Gästen, nachdem der Deutsche gegangen war.

Es nieselte noch immer, als Peter Mertens wieder auf der Straße stand. Nach zehn Minuten war er am Ziel. Steigerstraße stand auf dem Straßenschild. Die grelle, blinkende Leuchtreklame, die eine gemalte, nackte Frau zeigte, schien die trostlose Umgebung überspielen zu wollen. Mon Amour stand über dem Eingang der Bar. Peter Mertens schaute die Straße entlang. Seine Informationen stimmten. Alte, hohe Wohnhäuser, die teilweise nicht mehr bewohnt waren, wie zerbrochene Scheiben und vernagelte Haustüren zeigten. Peter Mertens ging in die Einfahrt des Hauses gegenüber der Bar. Der Durchgang führte in einen tristen Innenhof, den er vorsichtig und sich nach allen Seiten umschauend betrat. Er blickte an den vergammelten Hauswänden hoch. Nirgends war ein Licht zu sehen.
"Gut, sehr gut", murmelte er und blickte auf seine Uhr. Die Leuchtziffern zeigten nun 1:15 Uhr. Peter Mertens ging zurück in die Einfahrt und drückte sich in eine Nische, dort wo früher mal eine Tür gewesen sein musste.

Er öffnete seinen Koffer, nahm ein Paar schwarze Handschuhe heraus und streifte sie über seine Hände. Dann nahm er die Waffe heraus. Fast liebevoll blickte er auf die gepflegte, eingeölte, automatische Pistole vom Typ SIG-Sauer P226 und strich mit der linken Hand über den Lauf. Dann fiel sein Blick wieder auf die Tür der Bar. Unbeweglich wie eine Statue stand er da und wartete. Die Zeit erschien ihm unendlich lang, dabei war nur eine knappe Viertelstunde vergangen, bis ein großer, kräftiger Mann mit langen, blonden Haaren aus der Tür der Bar trat. Er sah gut aus, so weit Peter Mertens sehen konnte. Er reckte sich und streckte seine Arme nach oben, als wenn er verspannt wäre. Peter Mertens Hand war ganz ruhig, als er mit der SIG-Sauer in der rechten Hand auf den Mann zielte. Seine linke Hand umgriff nun auch den Knauf. Seine Augen wurden zu Schlitzen, und zwei Sekunden später drückte er ab.

Der Knall hallte wie ein Kanonenschlag in der Toreinfahrt. Der große, blonde Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite sackte zusammen, aber seine Augen suchten nach dem Schützen in der dunklen Einfahrt. Er lebte noch. Das 9mm Geschoss hatte seine linke Schulter zerfetzt.
"Du verfluchtes Schwein", schrie er in die Nacht. "Komm raus. Zeig dich du Feigling", brüllte er weiter. Über ihm flackerte die nackte Frau der Leuchtreklame, als wenn nichts geschehen wäre. Peter Mertens trat aus der Toreinfahrt und ging auf den Blonden, der in der Gosse lag, zu. Die Pistole hielt er noch immer in der Hand. Einen Meter vor dem Mann am Boden blieb er stehen.
"Wer bist du? Was willst du von mir?" röchelte der Blonde. Er wollte brüllen, schreien, aber seine Kräfte ließen nach. Sein Oberkörper war voller Blut, sein Haar verschmiert vom Dreck der Straße. Jetzt sah er nicht mehr gut aus. Peter Mertens schob seinen Hut nach hinten, so dass der Blonde sein Gesicht sehen konnte.

"Du - Du lächerliche Figur." Der Blonde schüttelte den Kopf und blickte Peter Mertens fassungslos in die Augen. Langsam hob dieser den rechten Arm und drückte ab. Das 9mm Geschoss machte das Gesicht des Blonden fast unkenntlich.

Peter Mertens ließ die Waffe fallen, lief in die Toreinfahrt, nahm seinen Koffer und nahm den gleichen Weg auf dem er gekommen war. Er rannte nicht davon. Er ging nicht einmal besonders schnell, auch nicht als ihm ein Streifenwagen mit Blaulicht entgegen raste, der aber an ihm vorbeifuhr. Es nieselte noch immer, als Peter Mertens wieder am Bahnhof ankam. In der Vorhalle war niemand. Ganz gemächlich ging der einsame Mann auf den Bahnsteig und setzte sich auf eine Bank. Er lächelte. Aber sein Lächeln wirkte leer, als wenn er gar nicht auf dieser Welt wäre, sondern weit, ganz weit weg.

Eine Stunde später wurde Peter Mertens festgenommen. Nun saß er im Polizeirevier auf einem Stuhl inmitten eines Raumes, umringt von Beamten. Es schien, als nehme er überhaupt nicht zur Kenntnis, was um ihn herum geschah. Und so war es auch. Peter Mertens war woanders, ganz woanders. Er saß auf einer Terrasse und blickte auf seine Frau, die mit ihrer Tochter im Garten spielte. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten in den Bäumen. Ein Tag, wie aus dem Bilderbuch. Seine Melanie und seine Tochter Natascha. Er sah das Glück in den Augen seiner Frau. Er hörte ihr Lachen und wie Natascha Papi rief. Tränen liefen aus seinen Augen. Die Bilder verschwammen. Es war alles schon so lange her.

Ein Beamter sprach ihn an, fragte ihn etwas, aber Peter Mertens hörte nicht einmal zu und schwieg. Was sollte er auch sagen? Sollte er ihm erzählen, dass er den Mann erschossen hatte, weil der seine Frau und seine Tochter, die Menschen, die sein Leben waren, umgebracht hatte. Wozu, würde das etwas ändern? Nein, nichts, überhaupt nichts. Es war ein Raub gewesen, bei dem seine Familie getötet worden war. Der Blonde war der Drahtzieher gewesen, aber man hatte ihm nie etwas nachweisen können. Er wurde nicht einmal angeklagt.

Als Peter Mertens wieder genug Kraft hatte, war der Mann verschwunden gewesen. Acht lange Jahre hatte er ihn gesucht. Er hatte sich mit Huren, Zuhältern und Ganoven eingelassen. Mit immer nur einem Ziel vor Augen: Den Mann zu bestrafen, der ihm alles genommen hatte. Peter Mertens atmete tief durch. Sein Ziel hatte er erreicht. Andere Ziele hatte er nicht mehr.

Er blickte auf und schaute dem Polizisten in die Augen.
"Darf ich mal auf die Toilette?"
"Ja, bitte kommen Sie." Der Beamte ließ ihn zu seiner Verwunderung in der Herrentoilette allein und wartete auf dem Flur. Peter Mertens blickte an die Decke und hoffte, er würde seine Lieben wiedersehen. Acht Minuten waren vergangen, als sich der Polizist entschloss nachzusehen. Er fand Peter Mertens, erhängt mit seinem Gürtel, den er an dem altmodischen Spülkasten oben an der Wand befestigt hatte.

Die Polizisten der Wache fragten sich immer wieder, warum sich der Mann umgebracht hatte. Sicher, er hatte die drei Jugendlichen ganz schön vermöbelt. Aber das war doch kein Grund sich das Leben zu nehmen. Mit dem Mord vor der Bar Mon Amour wurde Peter Mertens nicht in Verbindung gebracht. Diese Geschichte hielt man lange für eine Abrechnung innerhalb des Milieus.

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