Die Bremsen des Zuges quietschten. Es war nur ein Mann im Abteil. Er war klein und hager. Tiefe Kerben im Gesicht ließen ihn älter aussehen, als er wirklich war. Er sah aus wie Mitte fünfzig, obwohl er erst dreiundvierzig war. Peter Mertens schaute auf und blickte in die diesige Nacht. Mit einem Ruck kam der Zug endgültig zum Stehen. Der Mann stand auf und nahm einen kleinen, braunen, abgenutzten Lederkoffer von der Ablage. Ganz langsam stieg er aus dem Waggon und blickte zunächst nach links, dann nach rechts.
"Endlich", sagte der Mann nur, nahm seinen kleinen Koffer auf und ging die Stufen zum Ausgang hinauf. In der schäbigen Vorhalle des kleinen Bahnhofes hockten auf einer Holzbank drei junge Männer, die sichtlich angetrunken waren. Außer ihnen und Peter Mertens hielt sich zu dieser Stunde keine Menschenseele an diesem ungastlichen Ort auf. Als die Drei des Mannes gewahr wurden, stand einer von ihnen auf und torkelte auf Peter Mertens zu. "He alter Mann. Unser Kumpel hat dich doch nur ganz höflich etwas gefragt. Warum bist du so unfreundlich?", tönte der Größere los. Es ging alles blitzschnell. Der rechte Fuß von Peter Mertens traf ihn in genau zwischen die Beine. Der junge Rowdy stürzte mit einem hellen Aufschrei in sich zusammen und krümmte sich am Boden. Und bevor der andere überhaupt reagieren konnte, schlug ihm Peter Mertens den Koffer mit voller Wucht ins Gesicht. Der Junge fiel neben seinen Kumpan. Als sein Kopf auf den harten Betonboden aufschlug, hörte man einen dumpfen Ton, als wenn ein Tontopf zerplatzt wäre. Peter Mertens drehte sich um und blickte dem, der ihn zuerst angesprochen hatte, tief in die Augen. Der Junge hatte ein Klappmesser in der Hand, und schon schoss die Klinge nach draußen. Peter Mertens blickte sich um. Kein Mensch war zu sehen. Er verwandte keinen Blick mehr auf die Drei und ging Richtung Ausgang. Solche Typen waren ihm zuwider. Sie erinnerten ihn einmal mehr daran, warum er hier war. Acht Jahre, acht lange Jahre hatte er gesucht - und endlich gefunden, was er so lange gesucht hatte. Er konnte unmöglich zur Polizei gehen. Denn dann wären all die Qualen und Mühen der letzten acht Jahre umsonst gewesen. Er drückte seinen Hut leicht nach vorn ins Gesicht, so dass seine Augen kaum noch zu sehen waren und trat aus dem Bahnhofsgebäude. Zwei Taxen standen im Nieselregen. Peter Mertens warf einen kurzen Blick auf sie. So weit er durch die nassen Scheiben sehen konnte, döste einer der Fahrer mit geschlossenen Augen, während der zweite in einer Zeitung blätterte. Mertens drückte sich nach links am Rand des Gebäudes an den Taxen vorbei und huschte fast lautlos davon. Nach einigen Metern kam er an eine Kreuzung, an der er nach rechts abbog. Die Straßen der Stadt waren wie ausgestorben. Aber wer ging schon an einem Mittwochabend, und dann bei einem solchen Wetter, aus dem Haus. Peter Mertens warf einen Blick auf seine Uhr. Es war 0:35 Uhr. Ein bisschen Zeit hatte er noch. Es war noch zu früh. Auf der Straßenseite gegenüber dämmerte durch den Nieselregen die schummrige Leuchtreklame einer Kneipe. Er steuerte nach einem Moment des Überlegens auf sie zu. Vor der Tür blieb er stehen und schaute sich von oben bis unten prüfend im Glasrahmen der Tür an. Kaum war er eingetreten, wollte er sich instinktiv wieder umdrehen und gehen. Die fremdländische Musik war leise, darum hatte er sie draußen nicht hören können. Er hatte den Türgriff schon wieder in der Hand, als er sich entschloss, doch zu nicht zu gehen. Eine türkische Kneipe. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Nein, das ist vielleicht sogar gut, dachte er und ging auf einen Ecktisch zu. Hier würde er sich nicht das dumme Gequatsche irgendwelcher Betrunkener anhören müssen, denn es war ruhig im Lokal. "Was möchten Sie haben", fragte er in gebrochenem Deutsch. Der Wirt stieß einen Seufzer aus, als Peter Mertens zwanzig Minuten später das Lokal verließ. Der Mann hatte ihm nichts getan, er war höflich gewesen. Aber etwas stimmt mit dem nicht, erklärte er seinen vier Gästen, nachdem der Deutsche gegangen war. Es nieselte noch immer, als Peter Mertens wieder auf der Straße stand. Nach zehn Minuten war er am Ziel. Steigerstraße stand auf dem Straßenschild. Die grelle, blinkende Leuchtreklame, die eine gemalte, nackte Frau zeigte, schien die trostlose Umgebung überspielen zu wollen. Mon Amour stand über dem Eingang der Bar. Peter Mertens schaute die Straße entlang. Seine Informationen stimmten. Alte, hohe Wohnhäuser, die teilweise nicht mehr bewohnt waren, wie zerbrochene Scheiben und vernagelte Haustüren zeigten. Peter Mertens ging in die Einfahrt des Hauses gegenüber der Bar. Der Durchgang führte in einen tristen Innenhof, den er vorsichtig und sich nach allen Seiten umschauend betrat. Er blickte an den vergammelten Hauswänden hoch. Nirgends war ein Licht zu sehen. Er öffnete seinen Koffer, nahm ein Paar schwarze Handschuhe heraus und streifte sie über seine Hände. Dann nahm er die Waffe heraus. Fast liebevoll blickte er auf die gepflegte, eingeölte, automatische Pistole vom Typ SIG-Sauer P226 und strich mit der linken Hand über den Lauf. Dann fiel sein Blick wieder auf die Tür der Bar. Unbeweglich wie eine Statue stand er da und wartete. Die Zeit erschien ihm unendlich lang, dabei war nur eine knappe Viertelstunde vergangen, bis ein großer, kräftiger Mann mit langen, blonden Haaren aus der Tür der Bar trat. Er sah gut aus, so weit Peter Mertens sehen konnte. Er reckte sich und streckte seine Arme nach oben, als wenn er verspannt wäre. Peter Mertens Hand war ganz ruhig, als er mit der SIG-Sauer in der rechten Hand auf den Mann zielte. Seine linke Hand umgriff nun auch den Knauf. Seine Augen wurden zu Schlitzen, und zwei Sekunden später drückte er ab. Der Knall hallte wie ein Kanonenschlag in der Toreinfahrt. Der große, blonde Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite sackte zusammen, aber seine Augen suchten nach dem Schützen in der dunklen Einfahrt. Er lebte noch. Das 9mm Geschoss hatte seine linke Schulter zerfetzt.
"Du - Du lächerliche Figur." Der Blonde schüttelte den Kopf und blickte Peter Mertens fassungslos in die Augen. Langsam hob dieser den rechten Arm und drückte ab. Das 9mm Geschoss machte das Gesicht des Blonden fast unkenntlich. Peter Mertens ließ die Waffe fallen, lief in die Toreinfahrt, nahm seinen Koffer und nahm den gleichen Weg auf dem er gekommen war. Er rannte nicht davon. Er ging nicht einmal besonders schnell, auch nicht als ihm ein Streifenwagen mit Blaulicht entgegen raste, der aber an ihm vorbeifuhr. Es nieselte noch immer, als Peter Mertens wieder am Bahnhof ankam. In der Vorhalle war niemand. Ganz gemächlich ging der einsame Mann auf den Bahnsteig und setzte sich auf eine Bank. Er lächelte. Aber sein Lächeln wirkte leer, als wenn er gar nicht auf dieser Welt wäre, sondern weit, ganz weit weg. Eine Stunde später wurde Peter Mertens festgenommen. Nun saß er im Polizeirevier auf einem Stuhl inmitten eines Raumes, umringt von Beamten. Es schien, als nehme er überhaupt nicht zur Kenntnis, was um ihn herum geschah. Und so war es auch. Peter Mertens war woanders, ganz woanders. Er saß auf einer Terrasse und blickte auf seine Frau, die mit ihrer Tochter im Garten spielte. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten in den Bäumen. Ein Tag, wie aus dem Bilderbuch. Seine Melanie und seine Tochter Natascha. Er sah das Glück in den Augen seiner Frau. Er hörte ihr Lachen und wie Natascha Papi rief. Tränen liefen aus seinen Augen. Die Bilder verschwammen. Es war alles schon so lange her. Ein Beamter sprach ihn an, fragte ihn etwas, aber Peter Mertens hörte nicht einmal zu und schwieg. Was sollte er auch sagen? Sollte er ihm erzählen, dass er den Mann erschossen hatte, weil der seine Frau und seine Tochter, die Menschen, die sein Leben waren, umgebracht hatte. Wozu, würde das etwas ändern? Nein, nichts, überhaupt nichts. Es war ein Raub gewesen, bei dem seine Familie getötet worden war. Der Blonde war der Drahtzieher gewesen, aber man hatte ihm nie etwas nachweisen können. Er wurde nicht einmal angeklagt. Als Peter Mertens wieder genug Kraft hatte, war der Mann verschwunden gewesen. Acht lange Jahre hatte er ihn gesucht. Er hatte sich mit Huren, Zuhältern und Ganoven eingelassen. Mit immer nur einem Ziel vor Augen: Den Mann zu bestrafen, der ihm alles genommen hatte. Peter Mertens atmete tief durch. Sein Ziel hatte er erreicht. Andere Ziele hatte er nicht mehr. Er blickte auf und schaute dem Polizisten in die Augen. Die Polizisten der Wache fragten sich immer wieder, warum sich der Mann umgebracht hatte. Sicher, er hatte die drei Jugendlichen ganz schön vermöbelt. Aber das war doch kein Grund sich das Leben zu nehmen. Mit dem Mord vor der Bar Mon Amour wurde Peter Mertens nicht in Verbindung gebracht. Diese Geschichte hielt man lange für eine Abrechnung innerhalb des Milieus. Über den Autor Text © Copyright 2001 by Frank Wobst. All rights reserved. Buchempfehlungen: Berlin Krimis u.a. Stories: Reportagen, Geschichten + Kurzkrimis Noria - Creative Services © Copyright 2002-2008 by noriainternational.com |