Der rote Hut

Er war ihr sofort beim Bummeln durch das Kaufhaus aufgefallen. Fasziniert war sie vor dem Ständer stehen geblieben. Er hatte sie magisch angezogen - der rote Hut.
von Frank Wobst


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Durch die Hutabteilung war sie nur zufällig gekommen, auf dem Weg zur Schuhabteilung. Sie nahm ihn wie ein kostbares Juwel vorsichtig in die Hände, drehte ihn und betrachtete ihn von allen Seiten. Scheu blickte sie um sich. Viele Menschen waren um sie herum unterwegs. Zu viele. In deinem Alter, einen roten Hut. Du machst dich doch lächerlich, ging es durch ihren Kopf. Angesichts der vielen Menschen um sie herum traute sie sich einfach nicht, ihn aufzusetzen. Behutsam setzte sie ihn wieder auf den Ständer. Vor der Rolltreppe nach unten drehte sie sich noch mal um und warf einen Blick auf ihn. Dass sie in die Schuhabteilung wollte, hatte sie ganz vergessen.

"Hast du geguckt, ob die braunen Slipper noch im Angebot sind?", fragte beim Abendessen ihr Mann.
"Ich, ich habe es vergessen. Es tut mir leid", stotterte sie.
"Was ist eigentlich los mit dir? Bist du inzwischen schon so senil, dass du alles, aber auch wirklich alles vergisst?", schimpfte Ernst los.
"Ich habe doch gesagt, es tut mir leid. Ich sehe morgen nach den Schuhen", murmelte sie leise.
"Morgen, wer weiß, was Morgen in deinem Kopf wieder los ist", polterte Ernst und machte sich auf Richtung Wohnzimmer, wo er sich in den Sessel lümmelte und den Fernseher einschaltete. Es lief ein Fußball Länderspiel.
"Bring mal ein Bier, das wirst du ja noch schaffen, oder?" rief Ernst Richtung Küche, in der Uta den Abwasch machte.

Sie verfluchte ihren Mann. Was war er nur für ein Ekelpaket geworden. Seit er vor drei Jahren in den Vorruhestand gegangen war, führte er sich zu Hause auf wie ein Despot. Tat nichts, außer fernsehen und ab und zu in die Kneipe zu gehen. Machte nur Unordnung und meckerte dann, wie die Wohnung aussah.
Uta blieb noch eine Stunde in der Küche und las einen Roman, einen Liebesroman. Warum kann mein Mann nicht so sein, wie dieser nette Mann im Roman, fragte sie sich. Während sie las, ging ihr auch immer wieder der rote Hut durch den Kopf. Ich hätte ihn doch ruhig einmal aufsetzen sollen, schalt sie sich.

In der Nacht träumte sie, wie sie mit dem roten Hut auf dem Kopf durch einen Park in der milden Frühjahrssonne spazierte. Das laute Schnarchen ihres Mannes riss sie aus dem Schlaf. Behutsam stieß sie ihn an. Es nützte nichts. Als sie ihn kräftiger rüttelte, schreckte er hoch und giftete sie an: "Was soll denn das?"
"Du schnarchst, du schnarchst so laut, dass ich davon aufgewacht bin."
"Du spinnst doch wohl völlig, mich zu wecken", fauchte er sie an und drehte sich auf die rechte Seite.

Das Frühstück am nächsten Morgen verlief wie immer. Ernst blätterte in der Zeitung. Seit er in Rente gegangen war, gab es keine Gespräche wie früher beim Frühstück. Uta vermisste das sehr. Gespräche gab es eigentlich überhaupt keine mehr zwischen ihnen. Ernst hatte nur an allem, was sie tat, etwas auszusetzen. Was anderes kam nicht mehr von ihm, und Uta hatte es nach zaghaften Versuchen aufgegeben mit ihrem Mann eine normale Unterhaltung zu führen. Seit fast drei Jahren ging das nun schon so. Manchmal war sie am Verzweifeln.

Dann erinnerte sie sich an die Zeit, bevor Ernst in Rente gegangen war. Der großartige Traummann war er nie gewesen. Aber es hatte auch in den späten Jahren ihrer Ehe eine Harmonie gegeben, die sie nun vermisste. Was hatte sie nicht alles versucht? Sie hatte Ernst gebeten sich ein Hobby zu suchen, oder aber eine Nebenbeschäftigung. Sie hatte ihn auf den Kleingarten angesprochen, den sie pachten wollten, sobald er in Rente ginge. Nichts war passiert. Ernst einziges Vergnügen bestand darin, sie zu kritisieren und herum zu scheuchen. Er war ein Griesgram und Tyrann geworden, dem man nichts mehr recht machen konnte. Die Hoffnung, dass sich noch mal etwas an der Situation ändern würde, hatte Uta aufgegeben und sich in ihr Schicksal gefügt.

"Ich gehe jetzt noch mal zum Kaufhaus und gucke nach deinen Schuhen", sagte Uta, nachdem sie den Tisch abgeräumt hatte. Auf dem Weg zur Schuhabteilung kam sie wieder an den Hüten vorbei. Und wieder zog er sie magisch an, der rote Hut. Wieder blickte sie um sich. Es waren nur wenige Menschen unterwegs im Kaufhaus. Sie nahm den Hut vom Ständer und ging auf den großen Spiegel zu. Ihre Hände zitterten leicht, als sie den Hut aufsetzte und auf dem Kopf zurecht rückte.
"Der steht Ihnen wirklich ausgezeichnet. Als wenn er für Sie gemacht wäre", sprach sie ein Mann an, der mit einem Mal hinter ihr stand.
"Ich wollte ihn nur mal anprobieren... aufsetzen", stammelte Uta, während ihr das Blut in den Kopf schoss.
"Wirklich, er steht Ihnen wunderbar", meinte der Mann und ging weiter. Kein Verkäufer, atmete Uta auf. Sie hasste diese Leute, die einem immer erzählen, wie gut man in etwas aussehen würde. Vorsichtig nahm sie den Hut wieder ab, drehte ihn in ihren Händen, suchte das Preisschild und zuckte zusammen, als sie den Preis sah. Mit einem traurigen Blick ging sie wieder zum Hutständer und legte ihn ab. "Aber warum eigentlich, warum soll ich mir nicht auch mal eine Freude machen", sagte sie sich nach einem kurzen Zögern, nahm den Hut und ging zur Kasse.

Zu Hause angekommen, tönte Ernsts Stimme vom Balkon: "Und - haben sie die Schuhe noch im Angebot?" Die Schuhe. Oh Gott, ich hab die Schuhe vergessen, raste durch ihren Kopf. Uta wollte schon auf dem Absatz umdrehen, aber Ernst rief: "Nun komm. Ich bin auf dem Balkon." Uta ging raus auf den Balkon.
"Ich hab... ich hab die Schuhe vergessen. Ich geh gleich noch mal los", stotterte sie und wollte kehrtmachen.
"Du hast die Schuhe vergessen, wieder vergessen?", brüllte Ernst sie an. "Und was hast du da in der Tüte?"
"Einen Hut. Ich habe mir einen Hut gekauft", stammelte sie.
"Was? Du gehst ins Kaufhaus wegen meiner Schuhe und kommst mit einem Hut nach Hause?" Uta wollte gehen, aber Ernst griff ihren Arm und hielt sie fest.
"Zeig mir deinen Hut, setz ihn auf!" sagte er mit einem hässlichen Grinsen in den Augen.
"Nein, nein später. Ich geh jetzt erst noch mal los wegen der Schuhe", versuchte Uta sich ihm zu entziehen.
"Setz ihn auf!", kam von Ernst mit kalter Stimme. Mit schweißnassen, zitternden Händen nahm Uta den roten Hut aus der Schachtel und setzte ihn auf. Ernst lachte lauthals los: "Jetzt bist du wirklich total durchgedreht. Weißt du wie du aussiehst? Wie ein Pfingstochse. Mensch, sag bloß niemanden, dass du meine Frau bist. Und jetzt geh nach meinen Schuhen gucken!", endete er, drehte sich um und widmete sich den Pflanzen am Balkongeländer.

Uta liefen Tränen aus den Augen. Sie blickte sich nach allen Seiten um. Es war niemand zu sehen auf den Nachbarbalkons.
"Das hättest du nicht sagen dürfen. Du bist so gemein", sagte sie mit leiser Stimme, nahm alle ihre Kraft zusammen und stieß Ernst über die Brüstung. Sie blickte sich wieder um. Niemand schien etwas gesehen zu haben. Dann ging sie in die Wohnung zum Telefon und wählte 110.
"Ein Unfall. Mein Mann ist vom Balkon gestürzt."
Beim Blick in den Spiegel im Flur fand sie, dass der rote Hut ihr wirklich ausgesprochen gut stand.

Über den Autor   Text © 2004 by Frank Wobst. All Rights reserved.


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