Es ist 18:30 Uhr. Die Sonne ist untergegangen. Die grell leuchtenden, bunten Lichtreklamen flackern. Eine der zahllosen Bars im südlichen Teil des Badeortes Pattaya in Thailand. Sungvian nimmt ihren Platz hinter der Theke ein.
Langsam beginnen sich die Straßen zu füllen mit Touristen, auf der Suche nach dem Abenteuer der Nacht, und mit Frauen, die für die Männer das Abenteuer repräsentieren. Für diese Frauen ist es aber kein Abenteuer, sondern purer Broterwerb. Häufig die einzige Möglichkeit zu überleben.
Sie hat zu viel Schminke aufgetragen, aber anders kann sie ihre dunklen Augenränder nicht verbergen. Seit fünf Jahren arbeitet die Mutter von drei Kindern hier. Sie ist ein bisschen erschöpft. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Kolleginnen hat sie nicht bis in den späten Nachmittag schlafen können.
Heute morgen um sechs Uhr früh ist sie raus, hat ihre drei Kinder geweckt, ihnen etwas Reis mit Fisch zum Frühstück gemacht. Zwei Stunden nur hatte sie geschlafen. Sie war müde, kaputt, fühlte sich leer und ausgebrannt. Unmittelbar nachdem die Kinder zum Schulbus gegangen waren, hatte sie sich erneut hingelegt und war sofort wieder in den Schlaf gefallen.
Andere Mütter in ihrer Situation nehmen sich eine Frau oder ein junges Mädchen, das sich um die Kinder kümmert. Sungvian hat zwar auch eine solche Frau, aber die kommt erst am späten
Nachmittag und bleibt bei den Kindern, bis Sungvian spät in der Nacht oder erst am frühen Morgen wieder nach Hause kommt.
Das Frühstück mit den Kindern will sie sich nicht nehmen lassen. Sie hat so schon zu wenig Zeit sich um ihre Kinder zu kümmern, hat Schuldgefühle deswegen. Sie liebt ihre Kinder, wie wohl jede Mutter, und hofft, dass es irgendwann mal wieder anders sein wird.
Ihre Geschichte gleicht der anderer Frauen in Pattaya.
Sie lebt in einem kleinen Dorf, zwölf Kilometer entfernt. Ursprünglich kommt sie aus dem Norden Thailands vom Land.
Ein typisches Bauernhaus, ähnlich wie Sungvians Elternhaus
Mit ihrem Mann ging sie zunächst nach Bangkok. Dort wurden auch ihre ersten beiden Kinder geboren, in einem der zahlreichen, namenlosen Elendsviertel, die man auch Slums nennt. Auf der Suche nach einem besseren Umfeld für ihre Kinder landeten sie in dem kleinen Dorf bei Pattaya. In Pattaya fand ihr Mann eine Arbeit als Wächter in einem Hotel.
Lange ging es nicht gut. Ihr Mann trank zu viel, nahm sich junge Mädchen, und eines Tages verschwand er einfach. Zurück zu ihren Eltern konnte sie unmöglich, mit drei Kindern. Sie sind arme Bauern, die es gerade schaffen sich selbst zu ernähren. Ein soziales Netz, wie in Deutschland, gibt es nicht.
Zu versuchen den Vater ihrer Kinder für Unterhalt zu belangen, wäre nur ein hoffnungsloses Unterfangen. Möglichkeiten anderweitig genug Geld zu verdienen gab und gibt es nicht. Ihre Eltern wissen nicht, was sie tut. Sungvian hofft, dass sie es auch nie erfahren. Ein -, zwei Mal im Jahr besucht sie sie mit ihren Kindern.
Auch wenn ihr Heimatdorf weit ab liegt, die Menschen dort wissen, was in Pattaya los ist. Zu viele junge Mädchen, auch aus dieser Gegend, sind im Laufe der Jahre in Pattaya gelandet. Es kam und kommt sogar vor, dass Mädchen von ihren Eltern regelrecht an Zuhälter verkauft wurden. Viele Mädchen unterstützen ihre Eltern, ihre Geschwister mit dem Geld, das sie mit ihrem Körper verdienen.
Sungvian hat nichts übrig, um ihre Eltern zu unterstützen. Sie hat ihren Eltern erzählt, sie arbeite als Putzfrau in einem Hotel in Pattaya. Sie hofft, sie wünscht sich, dass die Eltern ihre Lüge glauben. Wenn ihre Mutter sie anschaut, hat sie ein schlechtes Gewissen, und manchmal hat sie das Gefühl ihre Mutter weiß, womit sie ihr Geld verdient.
Obwohl sie sich des Gedankens schämt, ist sie insgeheim froh kein Geld für ihre Eltern übrig zu haben. Vielleicht wäre sie sonst in der gleichen Situation wie ihre Freundin Noi.
Vor zwei Monaten war sie mit Noi nach Bangkok gefahren, um einige Dinge einzukaufen. Noi hatte sie danach mitgenommen zu ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern. Die Familie hatte einfach Nois Geld genommen, ohne sich zu bedanken. Nois Mutter fragte nur, wann sie denn endlich einen neuen Fernseher bekommen würde. Auf der Rückfahrt erzählte Noi stolz, dass ihr älterer Bruder auf eine gute Schule gehen könne, weil sie es bezahle.
Sungvian hatte nichts gesagt, sie wollte Noi nicht weh tun. Aber den geringschätzigen, nein, verächtlichen Blick des Bruder auf die Schwester hat sie noch heute vor Augen.
Sungvian hatte schnell registriert, dass Nois Familie nur an dem Geld interessiert war. Weder die Brüder noch die Mutter hatten irgendein Interesse an Noi gezeigt. Nicht ein Dankeschön oder irgendein freundliches Wort war über ihre Lippen gekommen.
Darum ist Sungvian manchmal froh nichts übrig zu haben. Nach dem Erlebnis mit Nois Familie hat sie sich öfters gefragt, wie sie in einer solchen Situation handeln würde. Und ihr war bewusst geworden, dass sie es wahrscheinlich genau wie Noi handhaben würde.
Es ist 14 Uhr, Sungvians "Nacht" ist zu Ende.
Sie wäscht sich, geht in den kleinen Supermarket, der in Deutschland Tante Emma Laden heißen würde, und kauft etwas Reis, Huhn, Gemüse und andere Kleinigkeiten.
Wieder zu Hause, fängt sie an Wäsche zu waschen, aufzuräumen und bereitet das Abendessen für die Kinder vor, die währenddessen zur Tür hereinstürmen.
Um 16:30 Uhr beginnt sie ihre Haare zu richten, sich etwas zu schminken, steigt aus ihren landestypischen leichten Hosen um in eine knalleng sitzende Jeans. Zu Miniröcken und Hot Pants, wie sie die jüngeren Mädchen tragen, konnte sie sich nie durchringen.
Richtig nachschminken wird sie sich dann in Pattaya. Hier vor ihren Kindern ist ihr das unangenehm. Außerdem möchte sie so nicht durch das Dorf laufen.
Die Menschen hier wissen natürlich, was sie tut. Sie ist auch nicht die einzige Frau in diesem Dorf, die diesem Gewerbe nachgeht. Die sogenannten "anständigen" Bürger meiden Menschen wie sie, aber so viele davon gibt es hier auch nicht mehr.
Die Nähe Pattayas, und damit die Aussicht auf Geld und ein besseres Leben, hat nicht nur sie hierher gebracht. Aber in einem Dorf wie diesem kann sie billiger leben als in Pattaya.
Und ihre Kinder sehen nicht täglich, was sie ihrer Meinung nach auch nicht sehen sollen.
Um 17 Uhr kommt die Frau, die auf ihre Kinder aufpasst, und Sungvian verlässt das Haus. Ein findiger Kleinunternehmer hat einen alten japanischen Kleinbus gekauft. Er fährt durch die Dörfer und bringt die Mädchen und Frauen zu einem fairen Preis nach Pattaya. Nachts bzw. morgens bietet er den gleichen Service zurück. Da ist es dann ein bisschen teurer.
Sungvian ist froh, dass es jetzt diese Möglichkeit gibt. Als sie anfing in Pattaya zu arbeiten, war es umständlich und schwierig dort hinzukommen. Manchmal war sie sogar zu Fuß gegangen, nur um ein bisschen Geld zu sparen. Nachts hatte sie sich oft ein Taxi nehmen müssen, und das hatte jedes Mal ein Loch in ihren Geldbeutel gerissen.
In Pattaya angekommen, kauft sie in der Drogerie noch Präservative. Sie hat Angst seit sie das erste Mal von Aids hörte. Die Männer wollen fast alle keine Präservative benutzen und finden auch immer Mädchen, die es ohne tun. Sie will nichts riskieren. Aber inzwischen ist es nicht nur wegen Aids. Im letzten Jahr hatte sie sich eine Gonorrhöe und eine scheußliche Pilzinfektion eingehandelt. Zusätzlich zu dem Ekel kamen auch noch die Kosten für den Arzt und die Medizin.
Geschlechtskrankheiten nehmen immer mehr zu, und der Arzt hatte ihr erklärt, dass viele Medikamente nicht mehr helfen, weil die Erreger resistent geworden sind. Wenn sie allein auf der Welt wäre, würde sie trotzdem vielleicht ab und wann auf die Präservative verzichten, wenn es eben gar nicht anders ginge. Das heißt, wenn das Geld nicht mehr reichen würde.
Eine Freundin vermittelte ihr den Job in der Bar. Ein richtiger Job ist das natürlich nicht. Jede Bar hat zahlreiche und möglichst junge, bildhübsche Mädchen hinter der Theke. Um so schöner und zahlreicher die Mädchen, um so mehr Umsatz für die Bar. Sungvians Aufgabe besteht darin dem Gast das gewünschte Getränk zu bringen, ihn zu animieren hier an dieser Bar zu bleiben und weitere Getränke zu bestellen. Sie bekommt dafür einen geringen Lohn und muss sieben Tage die Woche von 18 Uhr bis 3 Uhr morgens, manchmal auch bis 4 Uhr präsent sein.
Für fast alle Mädchen ist dieser Job aber nur eine Nebensache. Sie versuchen auf diesem Weg einen Mann zu finden, der sie für den Rest des Abends auslöst, mit dem sie dann die Nacht
- gegen Geld - verbringen. Das Auslösen ist für den Barbetreiber ein zusätzliches Geschäft. Je nach Uhrzeit hat der Mann eine bestimmte Summe zu zahlen, damit das Mädchen eher gehen kann. Sie ist nicht zu niedrig, aber auch nicht zu hoch. Und die Mädchen tun alles um einen Mann davon zu überzeugen, dass sie die Richtige für ihn sind.
Sungvians Chancen auf diese Weise mehr Geld zu verdienen, sind aufgrund ihres Alters und der übermächtigen, jungen Konkurrenz nicht mehr so groß. In den fünf Jahren hatte sie im Durchschnitt nur alle zwei Wochen einen Mann, der sie bezahlte.
Nach dem ersten Mal hatte sie sich noch im Hotelzimmer des Mannes übergeben müssen, und zu Hause hatte sie ihren Körper abgeschrubbt, bis ihre Haut rot angelaufen war. Im Laufe der Zeit lernte sie aber zwangsläufig damit umzugehen.
Es gab auch mal Männer, die sie wollten, die sie aber ablehnte. Das ist unüblich und wird nicht gern gesehen. Der Geschäftsführer der Bar hat ihr deswegen bisher keine Schwierigkeiten gemacht. Vielleicht auch, weil sie ansonsten sehr zuverlässig ist, inzwischen gut englisch spricht, und es vor allem versteht die Männer durch Zuhören und Gespräch an der Bar zu halten.
Seit einigen Monaten verfolgt sie trotzdem die Angst, dass ihr Chef sie entlassen wird, denn mit neunundzwanzig Jahren ist sie für diesen Job schon zu alt.
Sungvian ist sich der Tatsache bewusst, dass ihre Tage in diesem Geschäft gezählt sind. Sie hofft, es noch zwei weitere Jahre zu schaffen. Seit einem Jahr spart sie eisern jeden Pfennig, der übrig bleibt. Wenn sie das noch zwei Jahre durchhält, wird sie nicht sehr viel gespart haben. Aber es dürfte reichen, um sich einen der landestypischen, kleinen Imbißwägelchen kaufen zu können und damit ein Einkommen für sich und ihre Kinder zu sichern.
Das würde heißen, Pattaya zu verlassen und das Dorf, in dem sie lebt. Den Kindern würde es sicher schwer fallen. Aber sie ist für die Menschen sowieso nur eine Prostituierte, dazu noch eine, die sich mit Ausländern einlässt. Das Ansehen einer Prostituierten ist in Thailand genauso schlecht wie überall auf der Welt.
Irgendwo hinzugehen, wo niemand ihre Vergangenheit kennt, noch mal neu anzufangen, das ist Sungvians Ziel. Auch wenn sie manchmal glaubt, keine Kraft mehr zu haben, und sie am liebsten alles hinwerfen würde - sie wird es nie tun. Sie gibt und empfängt Liebe durch ihre Kinder. Das macht sie stark. Sie weiß, dass sie es schaffen wird, wenn nichts unvorhergesehenes dazwischen kommt.
Manchmal träumt sie auch noch von einem Mann, an den sie sich anlehnen kann, der sie mag und ihren Kindern ein Vater sein könnte.
"One beer, please", sagt eine Männerstimme. Der Arbeitstag, oder besser die Nacht, hat begonnen.
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Links:
Alle hier aufgelisteten Links führen zu Websites ausserhalb unserer Domain noriainternational.com, auf deren Inhalt wir keinerlei Einfluss haben. Wir sind daher nicht verantwortlich für deren Inhalt.
We Care - Sisters of Charity führt Sie zu einem Artikel (in engl.) der renommierten Tageszeitung Bangkok Post, über die Fountain of Life, die in Pattaya Prostituierte und vor allem Kinder betreut. Sollte der Link nicht funktionieren, klicken Sie bitte auf Sisters of Charity (2). Bei dieser Seite fehlen allerdings die Fotos des Artikels.
Combating Prostitution ist auch ein Artikel (in engl.) über die Arbeit der Fountain of Life, der aber etwas ausführlicher auf die Thematik eingeht.
Wenn Sie Kindern und Frauen helfen möchten, klicken Sie auf Hilfsprojekte in Thailand des Vereins Eltern für Kinder e.V. Berlin. Neben anderen Projekten des EFK finden Sie auch dort wieder die Fountain of Life.
Weitere Hilfsprojekte in Thailand finden Sie unter "We Care": Make a difference in someone's life der Bangkok Post. Leider ist die Liste nicht mehr ganz aktuell.
Ein sechszehnjähriger Schüler, der im April 2006 für ein Jahr als Austauschschüler nach Thailand geht, fragte mich, ob ich einen Link zu seiner Website einbinden würde. Auf seiner Website möchte er in Wort und Bild über seine Erlebnisse und Erfahrungen in Thailand berichten. Ich folge dem Wunsch gern. Bei Interesse klicken Sie auf den folgenden kleinen Banner.

Buchempfehlung:
Tigerkralle und Samtpfote Der authentische Lebensroman eines thailändischen Freudenmädchens.
Rezension: Malee erzählt in diesem Buch ihre Geschichte, wie sie zur Prostituierten wurde, von ihren Erlebnissen in Thailand und ihrem Weg nach Deutschland. Fast zu schön um wahr zu sein; Malee findet am Ende ihr Glück in Deutschland. Leider ist das Buch zur Zeit nur "gebraucht" erhältlich.
Tourism Authority of Thailand - Herzlich willkommen in Thailand - Thailändisches Fremdenverkehrsamt